
Zitat Apotheken-Umschau (07/2026): „Was Rousseau beim Spazierengehen erlebte, ist nicht einfach die Fantasterei eines Philosophen. Auch Steve Jobs, der visionäre Mitbegründer der Firma Apple, nutzte den inspirierenden Effekt der Schritte sehr gezielt, wenn er Konferenzen spazierend abhielt. Tatsächlich gibt es inzwischen viele Untersuchungen, die zeigen: Gehen ist nicht nur ein Gesundheitsbooster für den Körper. Es beflügelt auch den Geist. So neigen die Gedanken im Sitzen eher zum Stocken, wie Forschende herausgefunden haben. Im Gehen lieferten die Testpersonen doppelt so viele kreative Antworten wie im Sitzen.
Auch Dr. Christine Bahr beflügelt die Kraft des Spazierengehens, wenn sie nach einem langen Tag in ihrer Arztpraxis in Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern eine Runde dreht. In der dunklen Jahreszeit auch mit Stirnlampe. „Beim Gehen kann ich mein Hirn so richtig freipusten“, erzählt sie. Als Kardiologin weiß sie nicht nur um die gut belegten Effekte von regelmäßiger Bewegung auf Körper und Geist. Sie nutzt diese auch in der Behandlung ihrer Patientinnen und Patienten. Etwa, indem sie ihnen ein Rezept in die Hand drückt. Die Medizin, die sie darauf zum Beispiel verordnet: Waldspaziergänge.
„Es geht um Bewegung, die jeder ganz einfach in seinen Alltag einbauen kann“, sagt Bahr. Ohne Sportschuhe kaufen zu müssen oder einem Verein beizutreten. Für die Kardiologin ist Spazierengehen das wichtigste und effizienteste Element der Gesundheitsprävention überhaupt. Etwa vier bis fünf Mal die Woche eine halbe Stunde – „und Sie werden die Wirkung spüren“, verspricht Bahr.
Viele Patientinnen und Patienten erzählen ihr, dass sie sich rundum wohler fühlen. Auch bekommen viele besser Luft. Wie die 91-Jährige, die vor einiger Zeit noch nach zehn Minuten auf dem Ergometer aus der Puste war. „Heute schafft sie bei mehr als doppelter Belastung 45 Minuten“, erzählt Bahr. Dabei plaudert die ältere Dame fröhlich und lobt ihre Ärztin schon mal dafür, dass das Bewegungsprogramm „die beste Empfehlung ihres Lebens“ war.
Es müssen nicht immer 10.000 Schritte sein
Was die Spazierengehenden vielleicht nicht sofort merken, ist, wie viel Gutes sie ihrer Gesundheit sonst noch mit regelmäßiger Bewegung tun. Zahllose Studien belegen die positiven Effekte. Nicht nur Herz und Kreislauf profitieren. Auch das Risiko für Knochenschwund und Krebserkrankungen, Diabetes, Rheuma, Depressionen, Rückenschmerzen, Demenz und weitere Leiden nimmt ab. Selbst wenn man bereits erkrankt ist, ist Bewegung oft ein effektives Zusatzmedikament. „Zum Beispiel bei erhöhtem Blutdruck oder Diabetes“, sagt Christine Bahr.
Dabei müssen es nicht immer die oft empfohlenen 10.000 Schritte sein, wie große Überblicksstudien gezeigt haben. Schon 2300 Schritte machen einen klaren Unterschied für Herz und Kreislauf, wie Forschende herausgefunden haben. Menschen, die 4000 Schritte täglich schaffen, profitieren bereits deutlich. Insgesamt senkt, wer seine tägliche Schrittzahl um 1000 Schritte erhöht, sein Risiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Vorfälle wie Herzinfarkt oder Schlaganfall um ganze 17 Prozent. Dies gilt bis zu einem Limit von etwa 10.000 Schritten.
Doch wo ist der beste Ort, um Schritte zu sammeln? Im Osten von Mecklenburg-Vorpommern, wo Bahrs ambulantes Herz-Kreislauf-Zentrum steht, gibt es unüberschaubar viele Wege: alte Buchenwälder, in denen man Hirsche beobachten kann, Nadelwälder, die selbst im Winter ätherische Öle, Terpene genannt, in die Luft abgeben. Diese wirken nachweislich positiv auf das Immunsystem, auf Atmung und Stimmung.
Doch weiß Bahr auch: Je konkreter die Empfehlung, desto besser die Therapietreue. Gemeinsam mit dem Forstamt hat die Ärztin daher Bewegdich-Routen entwickelt. Auf den barrierefreien Wegen mit Kilometerangaben stehen Bänke, zudem Holzhäuschen, in denen Therabänder für kleine Übungen liegen. Die ausgeschilderten Strecken sind unterschiedlich lang und richten sich nicht nur an Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern zum Beispiel auch an Personen mit COPD, deren Lunge also dauerhaft geschädigt ist. Die kürzeste Strecke ist 300 Meter lang. „Das schaffen auch Menschen, denen es nicht mehr so gut geht“, sagt Bahr. Gesammelt in einem kleinen Heftchen bekommen ihre Patientinnen und Patienten die Routen in die Hand gedrückt, mitsamt einem Trainingsband.
Doch auch wenn man nicht in Bahrs Gegend wohnt: Wege, die sich für individuelle Bewegdich-Routen eignen, gibt es überall in Deutschland. Sie führen durch Wälder, Wiesen, einen Stadtpark oder auch ein ruhiges Wohnviertel. „Und ein Theraband für kleine Übungen passt sogar in die Jackentasche“, sagt Bahr.
Selbst wenn man dabei nur langsam schlendert – ein Spaziergang lohnt sich immer. Wie eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung gezeigt hat, verändert der Aufenthalt unter freiem Himmel wohl sogar das Gehirn. „Wer sich viel im Freien aufhielt, hatte einen größeren präfrontalen Kortex“, berichtet die Umweltneurowissenschaftlerin Prof. Dr. Simone Kühn. Dieser vordere Teil des Stirnhirns ist für vernünftiges Planen und Handeln zuständig, aber auch für soziales Verhalten und Empathie.
Macht uns Spazierengehen also zu besseren Menschen? Das wäre sicher zu weit gegriffen. Gesünder und ausgeglichener macht es aber allemal, wie Kardiologin Bahr oft von ihren Patientinnen und Patienten hört. Als kleines Dankeschön überreichte ihr einer sogar die Abschrift eines Gedichts, das der Förster Helmut Dagenbach (1929-2013) auf den „Doktor Wald“ verfasst hat. „Er bringt uns immer wieder auf die Beine, das Seelische ins Gleichgewicht, verhindert Fettansatz und Gallensteine. Nur Hausbesuche macht er leider nicht.“ So lauten die letzten Zeilen. Lust bekommen, die grüne Arztpraxis zu konsultieren? Schuhe geschnürt – und los geht’s.„
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